Bekenntnisse

                                       von Günter aus dem Schwarzwald

 

 „Spät erst habe ich dich geliebt, Schönheit du, immer alt und immer neu, spät erst habe ich dich geliebt. Siehe, du warst innen, und ich war draußen. Dort habe ich dich gesucht. Formlos stürzte ich mich in die Formschönheit, die du gemacht hast. Du warst bei mir, aber ich war nicht bei dir. Die Dinge, die gar nicht wären, wären sie nicht in dir, sie hielten mich fern von dir.

 

Du hast gerufen, geschrien, hast meine Taubheit aufgebrochen. Du hast geleuchtet wie ein Blitz über mir und hast meine Blindheit verjagt. Du hast deinen Wohlgeruch ausgeströmt, ich habe ihn eingeatmet und wittere dich. Geschmack habe ich an dir gewonnen, jetzt hungere und dürste ich. Du hast mich berührt, und ich brenne vor Sehnsucht nach deinem Frieden.“

 

Wo war ich, als ich Dich suchte? Du standest vor mir, ich aber war auch von mir selbst davongelaufen und fand mich nicht: wie hätte ich dich finden können! Du zogst mich hinter meinem Rücken hervor. Dort hatte ich mich versteckt, um mich selber nicht sehen zu müssen. Sag mir nun, mein Geliebter, was Du mir bist. Sprich zu meiner Seele. ‚Ich bin Dein Heil‘. Sprich so, dass ich‘s höre. Du bist es, Du mein Geliebter. Dir atme ich Tag und Nacht.

 

Da ich Dich zum ersten Mal erkannte, da warst Du es, der mich zu Dir erhob, damit ich sähe, dass es wirklich da sei, was ich sähe. Und ich hörte Deine Stimme: „Ich bin die Speise der Großen; wachse, und du wirst Mich essen. Und du wirst Mich nicht in dich verwandeln wie die Speise deines Fleisches, sondern du wirst verwandelt werden in Mich.

 

Ich liebe Dich, nicht mit zweifelndem, sondern mit sicherem Bewusstsein. Du hast mit Deinem Wort mein Herz erschüttert, und ich habe Dich geliebt. Auch der Himmel und die Erde und alles, was in ihnen ist, sieh, von allen Seiten her sagen sie mir, dass ich Dich lieben soll.

Was aber liebe ich, wenn ich Dich liebe? Nicht das Aussehen eines Körpers und nicht die Anmut eines Lebensalters, nicht den Glanz des Lichtes, der diesen leiblichen Augen so lieb ist, nicht die süßen Melodien vielfältiger Gesänge, nicht den lockenden Duft von Blüten, Salbölen und Gewürzen, nicht Manna und nicht Honig, nicht Körperteile, die sich zu fleischlichen Umarmungen anbieten – nichts von alledem liebe ich, wenn ich Dich liebe.

Und doch liebe ich eine Art von Licht, von Stimme, von Wohlgeruch, von Speise und von Umarmung, wenn ich Dich liebe, denn Du bist das Licht, die Stimme, der Wohlgeruch, die Speise und die Umarmung meines inneren Menschen. Dort drin in meiner Seele strahlt ein Licht, das keine Welt fasst, dort klingen Melodien, die keine Zeit verschlingt, dort duften Wohlgerüche, die kein Wind verweht, dort schmecken Speisen, deren keine Sattheit satt wird, dort lacht ein Glück vereinter Liebe, dem ein Überdruss nicht folgt. Das ist es, was ich liebe, wenn ich Dich, meinen Gott, liebe.

 

Nimmst Du Dich mir, so gib mir einen anderen Dich, denn an nichts außer Dir finde ich Genügen. Und weisest Du mich von Dir auf irgend etwas anderes, so gib mir einen anderen Dich, auf dass ich von Dir zu Dir gehe. Denn ich will nichts als Dich.

 

Du! Über alles bist Du der Hohe, der Gute, der Mächtige, der Allmächtige, der Erbarmende, der Gerechte, der Geheime und der Offenbare, der Schöne und der Gewaltige, der Feste und der Unbegreifliche, der Unwandelbare, der alles wandelt. Nie bist Du neu, nie bist Du alt und erneuerst doch alles. Immer bist Du der Wirkende, immer der Ruhende, bist der Sammelnde und nichts Bedürfende, bist der Tragende, Erfüllende, Schirmende über allem, bist der Erschaffende, Nährende und Vollendende, bist Sucher, obgleich nichts Dir mangelt. Du liebst, doch ohne Wallung,

Du eiferst und bist doch still sicher in Dir.

 

Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir. Schenk Dich mir, gib Dich mir aufs Neue. Siehe, ich liebe Dich, und das ist so wenig; ich will Dich stärker lieben. Alles, was ich weiß, ist, dass es ohne Dich schlecht um mich steht, nicht nur außerhalb von mir, sondern in mir selbst, und dass aller Überfluss, der nicht von Dir kommt, mir Bedürftigkeit ist.

 

Quelle: Aurelius Augustinus, ‘Bekenntnisse’. Quellen nicht Memorabel, mit einem zugefügten Satz von Meister Eckhart

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